Das schuldbewusste Kind

22. Januar 2026

Ein Essay über den Grund der überdimensionalen Schuldgefühle des Michael Fischer’s in «Die Ermordung einer Butterblume»

Bild der sterbenden Butterblume (ChatGPT)

Alfred Döblin schreibt im Text «Die Ermordung einer Butterblume» über eine Psychose. Um genauer zu sein, handelt der Text über die Psychose der Figur Michael Fischer, welcher als Kaufmann tätig ist und eines Tages in einem Park, nachdem sein Gehstock in einem Unkraut hängen bleibt, auf eine Butterblume einschlägt. Hätte ich diese Szene beobachtet, fände ich sie sicher merkwürdig oder unnötig. Doch Fischer nimmt diese Szene noch viel gravierender auf.  Seine Psyche nimmt diesen Akt nämlich als Ermordung wahr, daraufhin ist er voller Schuldgefühle und wird besessen von dieser Blume. Er opfert Teile seines Essens und seines Lohnes, um seine Schuld bei der Blume zu kompensieren. Man könnte also schnell zum Schluss kommen, dieser Fischer spinnt! Denn die zerstörte Pflanze ist objektiv gesehen kein Mordopfer und somit sollte die «Ermordung» auch keine Gefühle der Schuld bei Michael Fischer auslösen.

Nun lässt sich aber schnell sagen, dass dieser Fischer ein Spinner sei. Und das ist er ja wahrscheinlich auch, doch in dieser Spinnerei liegt auch meine Faszination. Ich stelle mir nämlich die Frage, wie kann es zu solchen immensen Schuldgefühlen kommen kann, wenn es doch gar kein eigentliches Opfers gibt.

Um vielleicht zuerst mal den juristischen Rahmen zu definieren, lässt sich sagen, dass man nur eine Straftat begeht, wenn etwas vorsätzlich getan wird. Ein Täter kann nur als strafbar angesehen werden, wenn er etwas willentlich und wissentlich verübt. Nun gilt zu beurteilen, ob diese «Köpfung» der Blume als Straftat bewertet werden kann. Die Tat der Köpfung kann meines Erachtens schon als vorsätzlich angesehen werden. Zumal die Pflanze dem Herr Fischer nicht schadet und der Schlag somit gewollt und aus reiner Lust und Laune erfolgt. Zudem ist Herrn Fischer bewusst gewesen, dass Pflanzen durch Schläge zu Schaden kommen könnten, der Vorsatz wäre somit gegeben. Dies heisst allerdings noch lange nicht, dass er dieselbe Schuld eines Mörders trägt. Es handelt sich ja nur um eine Pflanze. Soweit ich weiss, liegt kein gesetzliches Verbot vor, welches die Zerstörung von Pflanzen verbietet – ausser die Pflanzen stünden unter Schutz. Rechtlich gesehen begeht Fischer also keine Straftat. Trotzdem verstehe ich aber das Vorhandensein von Schuldgefühlen zu einem gewissen Mass. Er zerstört einen Teil des städtischen Waldes, sein Verhalten entspricht somit sicher nicht der Erwartungshaltung der Bevölkerung. Ich würde mich in seiner Situation vielleicht auch schlecht fühlen, weil ich meine Emotionen nicht beherrschen kann.

Ein Bestehen von Schuld und Opfer – wenn auch nicht rechtlich – kann ich folglich feststellen, die Schuld ist jedoch minim.

Die Psychose von Michael Fischer besteht also nicht aus einem Vorhandensein von Schuldgefühlen ohne das Vorhandensein von einem wahren Opfer, denn die Blume kann als Opfer betrachtet werden.  

Der Grund der Psychose liegt eher in der falschen Beurteilung des Opfers und die darauffolgende Überdimensionierung der Schuld. Fischer wertet das Leben einer Pflanze gleich wie das Leben eines Menschen. Die subjektive Wahrnehmung von Fischer beurteilt das Geschehen falsch.

Eine Theorie ist, dass Fischer mit seiner kindlichen Wahrnehmung sein erwachsenes Handeln beurteilt. Das bedeutet, hätte man den fünfjährigen Fischer nach einer Beurteilung dieser Tat gefragt, dann hätte dieser das Zerschlagen der Blume als Mord beurteilt. Nun hat sich sein Weltbild seit dem fünften Lebensjahr – so hoffe ich zumindest – mehrmals verändert. Fischer sollte sein Handeln nun also anders beurteilen, nämlich mit seinem jetzigen Weltbild. Der Text spielt aber mit der Möglichkeit, dass das alte Weltbild nicht gelöscht wird, sondern irgendwo im Gedächtnis von Fischer gespeichert bleibt und sich nun wieder aktiviert hat. Das neu aktivierte kindliche Verhalten findet man im Text immer wieder. Wenn Fischer das Lied «Häschen in der Grube» singt (vgl. S. 68), oder Gegenstände mit dem Suffix «-chen» verniedlicht, erkennt man das Kind in ihm besonders gut. Man kann sich vorstellen, wie der fünfjährige Fischer das kleine Blümchen betrachtet und darin ein fragiles menschliches Leben sieht, das er aus Versehen zerstört hat. Und in diesem Moment wird die banale Tat zu einer Tragödie.

Durch die falsche Beurteilung der Situation und das Vorhandensein von einer Schuld – wenn auch einer sehr geringen –, wächst dieses Schuldgefühl bei Michael Fischer zum Niveau von Mord.

Beim nochmaligen Betrachten der Diskussionsfrage, erkenne ich nun, dass ich die Situation mit der Frage leicht falsch beurteilt habe. Denn es liegt sehr wohl ein Opfer vor, es liegt auch eine gewisse Schuld vor, aber die Beurteilung der Schuld und des Opfers ist das Problem. In seiner Psychose beurteilt Fischer die Situation falsch, frühere Weltbilder werden mit seinem jetzigen Weltbild vermischt und das Ergebnis ist ein konfuser Michael Fischer, der von einer zerschlagenen Butterblume besessen wird, weil er das pflanzliche Leben mit einem menschlichen Leben gleichsetzt. Gleichzeitig zeigt Fischer uns aber auch eine Verschmelzung von kindlicher Wahrnehmung und erwachsener Verantwortung, nach der wir uns vielleicht auch manchmal sehnen.