Dieser Blog untersucht, wie Martin Scorsese in After Hours kafkaeske Erzählstrategien einsetzt und das Werk als mögliche autobiografische Lesart gedeutet werden kann.

Die moderne Literatur, welche im späten 19. Jahrhundert begann und spätestens Anfang des 20. Jahrhunderts zum Mainstream gehörte, unterscheidet sich von der traditionellen Literatur durch eine Veränderung in der Rolle der Sprache und in der Kontinuität der Figuren. Die Sprache wurde neu als Stilmittel eingesetzt, Worte wurden konnotativ aufgeladen, um beim Leser etwas auszulösen. Die Sprache diente nicht mehr nur als reines Mittel zum Zweck. Zudem sind die Figuren nicht mehr fest, ihr Charakter verändert sich im Laufe des Textes, und sie stellen sich keine verlässliche Instanz mehr dar. All dies war eine Reaktion auf die gesellschaftlichen Veränderungen der Zeit. Durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse waren sich Autoren nicht mehr sicher, ob die traditionelle Erzählform Themen der Zeit darstellen kann. Um also diese gegenwärtigen Themen aufzuzeigen, wurde die Sprache anders verwendet. Die moderne Literatur erreichte ein breites Publikum, ihre Autoren prägten das literarische Feld der Zeit massgeblich. Auch Kafka spielt mit dieser in sich nicht festen Figur in seinen Texten. So wird im Text «Das Schloss» K's Notlüge, er sei Landesvermesser, schrittweise zu seiner Existenzgrundlage. Auch die Welt, in der die Geschichten Kafkas spielen, weist diese Instabilität auf. Auf den ersten Blick gleicht sie der uns bekannten Welt, doch bei näherem Betrachten merkt man, dass Mechanismen wie das Gericht oder die Regierung anders funktionieren. Diese Inkonsistenzen, welche Kafka zunächst subtil anlegt und im Verlauf zunehmend offenlegt, lösen beim Leser ein Gefühl der Unsicherheit aus. Dies zeigt, wie in der modernen Literatur Sprache anders benutzt und als aktives Stilmittel eingesetzt wird.
In unserer Zeit ist Literatur nicht mehr so omnipräsent wie vor 100 Jahren. Der Film überholte schon im 20. Jahrhundert die Position der Literatur in der breiten Gesellschaft. So wie es grosse Schriftsteller gibt und gab, gibt es heute auch grosse Regisseure. Nolan, Spielberg, Lynch oder auch Scorsese faszinieren immer wieder ein Millionenpublikum. Viele dieser Regisseure greifen erkennbar auf Erzählstrategien zurück, die auf die moderne Literatur zurückführen. Denn nur weil sich das Medium verändert hat, heisst das noch lange nicht, dass die Art und Weise, wie Geschichten erzählt werden, komplett anders ist.
So spielt beispielsweise David Lynch in seinen Filmen oft mit Traummotiven, welche Parallelen zu Kafka aufzeigen. In Blue Velvet zum Beispiel erinnert das Mietshaus von Dorothy Valens, welches von innen grösser scheint als von aussen, stark an die Mietshäuser in Kafkas Prozess. Doch es kommt auch vor, dass ein Regisseur einen ganzen Film kafkaesk gestaltet.
Martin Scorseses Film «After Hours» aus dem Jahr 1985 ist zum Beispiel klar an die Erzählart von Kafka angelehnt. Der Film begleitet Paul Hackett, einen gewöhnlichen Büroangestellten, der in einer einzigen Nacht in eine Abfolge immer absurderer und bedrohlicherer Situationen gerät. Was als harmloses Treffen beginnt, entwickelt sich zu einem Albtraum aus Missverständnissen, Kontrollverlust und sozialer Ausgrenzung, aus dem Paul keinen Ausweg findet. Paul versucht verzweifelt, nach Hause zu kommen. Stattdessen begeht seine anfängliche Bekanntschaft Selbstmord, dies führt ihn unter anderem in einen BDSM-Club sowie in verschiedene Wohnungen, und am Ende wird er vom ganzen Viertel aufgrund eines Diebstahls, den er nicht begangen hat, gejagt. Am Morgen gerät er schlussendlich durch Zufall zurück zu seinem Büro.
Vergleicht man nun diesen Film mit dem Text «Der Prozess» von Kafka, fällt einem als Erstes auf, dass auch Paul in einem von Bürokratie geprägten Job arbeitet, welcher an die Bankarbeit von K. erinnert. Beide Charaktere werden plötzlich in diese absurde Welt geworfen. K. in die Welt des inneren Gerichtes und Paul in die Welt des von Künstlern und Aussenseitern geprägten SoHo. SoHo wird hier zum Gefängnis für Paul, von dem er vergebens versucht zu flüchten. Wie im Prozess das Gericht sexuell aufgeladen ist, haben auch die meisten Begegnungen von Paul, welche er in Soho macht, ein sexuelles Element. Der Film ist geprägt von Frauenfiguren, welche alle auf ihre Art versuchen, Paul zu verführen. Meist scheint Paul zuerst an einer sexuellen Begegnung mit diesen Frauen interessiert, merkt im Verlauf der Begegnung aber, dass etwas nicht stimmt.
Im Grossen und Ganzen ist der Handlungsstrang sehr kafkaesk. Die Erzählweise löst beim Rezipienten eine Unsicherheit und Angst aus. Die Absurdität der Handlung hat zur Folge, dass man nie weiss, was als Nächstes geschehen wird. Man fühlt sich von der beschriebenen Welt bedroht und gleichzeitig ihr hilflos ausgesetzt. Es scheinen wie im Prozess andere Regeln zu gelten. Alle Figuren scheinen eine Verbindung zueinander zu haben und Paul vertraut jeder Figur ohne Bedenken. Man beobachtet, wie Paul immer tiefer in diese einem Albtraum ähnelnde Welt gerät, stets mit der Hoffnung, nun dem Ganzen zu entkommen. Mit diesem Auslösen von Unsicherheit beim Rezipienten spielt auch Kafka in seinen Texten. Der Film zeigt uns somit, dass die Erzählweise Kafkas immer noch ihr Publikum hat. Scorsese bedient sich bewusst der Erzähltechnik Kafkas und überträgt sie erfolgreich in das Medium des Filmes.
Die Stelle im Film, bei welcher jedem klar wird, dass sich Scorsese von Kafka inspirieren liess, ist die mit dem Türsteher vor dem BDSM-Nachtclub. Diese stellt nämlich die Türhüter-Legende aus dem Prozess nach. Ein Satz wurde sogar direkt kopiert, und zwar der Satz: «I’ll take your money ’cause I don’t want you to feel you left anything untried.”
Der Film lässt sich autobiografisch deuten. Scorsese wollte nämlich einen anderen Film drehen, dieser wurde aber aufgrund der schlechten Performance von King of Comedy – vorheriger Film von Scorsese – vom Studio abgesagt. Scorsese stand also jetzt an einem Punkt in seiner Karriere, an dem er vorhin noch nie gestanden hatte. Hollywood genehmigte nicht mehr jeden Film von ihm. Er musste also einen Film mit einem eher niedrigen Budget machen, um sich in Hollywood zu rehabilitieren, und so griff er zu After Hours. In Interviews beschreibt er, wie er sich zu dieser Zeit wie gefangen in der Unterwelt fühlte. Er stand seines Erachtens wie Paul vor mehreren Hindernissen in seinem Leben. Vielleicht erinnerte ihn seine Situation an die Texte Kafkas. In denen K. hilflos den oberen Instanzen ausgeliefert ist. Scorsese könnte folglich versucht haben, seine momentane Lage in kafkaesker Weise darzustellen. Dabei könnte es sein, dass sich die reale Welt auch für Scorsese anders anfühlte, und um diese Unsicherheit dem Rezipienten klarzumachen, benutzt Scorsese die Erzählweise Kafkas. Er ehrte Kafka und bewies gleichzeitig, dass die Art, wie Kafka schrieb, immer noch aktuell ist.
Ein Unterschied zu Kafkas Texten gibt es, denn Paul schafft es am Ende dieser Nacht zu entkommen. Betrachtet man dies wieder autobiografisch, hoffte Scorsese wahrscheinlich, dass ihm die Rehabilitation gelingen wird.