Die klare Abfolge literarischer Epochen wirkt heute zunehmend wie ein unübersichtliches Netz aus parallelen Entwicklungen. Wodurch gerät dieses Ordnungssystem an seine Grenzen?

Epochen stellen eines der zentralen Ordnungssysteme der Literatur dar. Die Einteilung der Literaturgeschichte in ein solches System erleichtert das Verständnis stark. Das System ermöglicht es, Texte in einem historischen und gedanklichen Zusammenhang einzuordnen. Auf diese Weise wird leicht sichtbar, welche Themen eine bestimmte Zeit geprägt haben. So lässt sich beispielsweise am Ende des 18. Jahrhunderts gut nachvollziehen, wie die Aufklärung mit ihrem Fokus auf Vernunft und Erkenntnis eine Grundlage schafft, aus der sich später die Weimarer Klassik entwickelt. In dieser steht nicht mehr nur die reine Vernunft im Zentrum, sondern der gebildete, moralisch handelnde Mensch, der zu einem freien Bürger erzogen werden soll. Solche Entwicklungen lassen sich durch den Epochenbegriff übersichtlich darstellen und erklären. Gerade weil diese Form der Einteilung so hilfreich ist, ist auch der Schulunterricht stark daran orientiert. Die Literaturgeschichte wird chronologisch unterrichtet, vom Mittelalter bis hin zur Literatur des 20. Jahrhunderts. Blickt man jedoch auf die gesamte Unterrichtseinheit zurück, lässt sich erkennen, dass diese Einteilung mit fortschreitender Zeit ungenauer wird. Während frühere Epochen einheitlich wirken, wird der Epochenbegriff mit Beginn der modernen Literatur zunehmend unscharf. Anstelle klar definierter Merkmale werden die Epochen in Subströmungen mit jeweils gemeinsamen Nennern geteilt. Der Epochenbegriff scheint hier an Präzision zu verlieren. Betrachtet man schliesslich die Literatur des 21. Jahrhunderts, verstärkt sich dieses Problem noch weiter. Versucht man, aktuelle Literatur eindeutig einer Epoche zuzuordnen, stösst man schnell an Grenzen. Aber wieso?
Betrachten wir zuerst mal die Epoche der Weimarer Klassik. Sie wurde geprägt durch Goethe und Schiller, welche beide zuerst dem Sturm und Drang angehörten. Wir befinden uns also in der Zeit, in welcher vielerorts aufklärerische Bewegungen im Gange waren und sich neue Strukturen gebildet haben. Die Literaten der Weimarer Klassik sind nun der Meinung, dass der Mensch nicht allein durch Vernunft oder Emotion bestimmt werden soll, sondern durch eine innere Balance beider Kräfte. Da diese Balance in vielen Menschen aber noch nicht vorhanden ist, versuchen sie durch ihre Texte den Bürger quasi moralisch zu bilden, ihn ästhetisch zu erziehen. Im Werk Maria Stuart, macht Maria zum Beispiel eine solche Transformation durch. Aus der emotionalen und politisch starken Figur wird am Ende eine Person, die ihr Schicksal annimmt und ihren inneren Konflikt somit gewinnt. Dieser Prozess führt zu dem, was Schiller als «schöne Seele» bezeichnet, also zu einem Zustand, in dem die Figur aus innerer Überzeugung moralisch handelt. Die klaren Merkmale der Weimarer Klassik sind hierbei alle in Maria Stuart vorhanden.
Springt man nun in die Zeit der Jahrhundertwende, wird es schwieriger, den historischen Kontext eindeutig zu beschreiben. Die Zeit ist voller Wandel, die Wissenschaft wächst immer stärker, die Städte werden immer grösser, ein Mensch wird nur noch als ein Arbeiter von vielen betrachtet, und währenddessen beginnt der Erste Weltkrieg. All dies sind Ereignisse, welche schon einzeln eine Epoche prägen könnten. Jedoch häufen sich diese Ereignisse jetzt. Die Gesellschaft fühlt alles auf einmal und bemerkt immer mehr diesen Bruch von alter Ordnung. Diese Überflutung von Gefühlen mündet nun in dieser Epoche der Jahrhundertwende. Jeder Autor geht mit den Umständen unterschiedlich um. Rilke beschreibt im Gedicht «Der Panther», den Menschen der Zeit und verwendet dabei klassische Verslehre. Kafka hingegen verarbeitet die Umstände, indem er seine Protagonisten in einem surrealen Geschwür von Bürokratie und Unerklärlichem herumirren lässt. Dabei verzichtet er auf die klassischen Strukturmittel. Manche Autoren stützen sich auf alte Strukturen, andere entfernen sich vollkommen von der klassischen Sprachordnung. Und diese verschiedenen Texte werden simultan geschrieben, eine einheitliche Epoche zu bilden, wird also schon schwieriger. Was bleibt, ist ein schwammiger Epochenbegriff, welcher ein Grundgefühl der Gesellschaft beschreibt.
Ein Grund dafür, dass es immer schwieriger wird, Epochen zu bestimmen, ist, dass durch technischen und wissenschaftlichen Fortschritt gesellschaftliche Veränderungen beschleunigt wurden. Während sich Menschen früher vor allem mit lokalen Problemen beschäftigten, hat sich der Wahrnehmungshorizont im Laufe der Zeit stark vergrössert. Mit zunehmender Vernetzung wurden Probleme und Ereignisse immer stärker global wahrgenommen. Menschen setzen sich heute nicht mehr nur mit Themen auseinander, die sie selbst betreffen, sondern mit einer Vielzahl weltweiter Umstände. Dadurch entstehen individuelle Interessen und Perspektiven, die parallel existieren. Wo im 18. Jahrhundert die aufklärerische Bewegung für jede Person hochaktuell war, geschehen zur Zeit der Jahrhundertwende schon viel mehr Ereignisse simultan. Menschen erleben nun diese verschiedenen Ereignisse und deren Folgen unterschiedlich stark und verarbeiten demnach dieses Erlebte auch anders in der Kunst. Diese Vielfalt führt dazu, dass sich kaum noch eine gemeinsame Grundstimmung innerhalb der Gesellschaft erkennen lässt. Dieses Phänomen hat sich im digitalen Zeitalter noch verstärkt. Durch das Internet ist es möglich, sich gezielt nur mit den Themen zu beschäftigen, die den eigenen Interessen entsprechen, während andere gesellschaftliche Entwicklungen vollständig ausgeblendet werden können. Dadurch fragmentiert sich die Wahrnehmung der Welt noch weiter. Zwei Personen können im selben historischen Moment leben und dennoch unterschiedliche «Realitäten» wahrnehmen. In der Literatur bedeutet dies, dass es immer schwieriger wird, von einem gemeinsamen «Zeitgeist» oder einem einheitlichen Stil zu sprechen. Zwar wird oft der Begriff der Gegenwartsliteratur verwendet, dieser beschreibt jedoch keine klar abgegrenzte Epoche mit eindeutigen Merkmalen, sondern vielmehr ein offenes und heterogenes Feld unterschiedlichster literarischer Formen und Themen. Gleichzeitig lässt sich auch fragen, ob diese Unschärfe tatsächlich ein neues Phänomen ist. So ist es auch gut möglich, dass unsere Gegenwart mit zeitlichem Abstand vereinfacht dargestellt wird. Auch der Zeitgeist, der 2020er-Jahre könnte in Zukunft auf einige Merkmale reduziert werden. Denn literarische Vielfalt gibt es nicht erst seit der Moderne. Auch eine literarische Vielfalt zur Zeit der Weimarer Klassik wurde im Nachhinein zu einem Epochenbegriff geglättet. Doch trotz dieser Vereinfachung ermöglicht die Einteilung es, grössere Zusammenhänge zu erkennen und Entwicklungen verständlich zu machen. Die Schwierigkeit der Zuordnung in Epochen ist also nicht nur eine Folge von einer komplexeren Welt – diese sicher auch –, sondern auch die Folge von einer gewissen Gleichgültigkeit gegenüber der Komplexität der uns zeitlich entfernteren Welt. Dieses Ordnungssystem komprimiert zwar Zeitabschnitte in unserer Geschichte, fasst jedoch gleichzeitig die wichtigsten Elemente auf. So dass wir die die essenziellsten Themen auch noch 200 Jahre später nachvollziehen können.